Tag der offenen Hinterntür

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„Tja,“ sagte dereinst mein Hausarzt zu mir, „Sie sind ja nun in einem Alter, da sollte man schon mal an die Durchführung einer großen Hafenrundfahrt denken. Nur zur Kontrolle und Sicherheit, dass da auch alles in Ordnung ist. Vor allem auch mit Blick auf ihre familiäre Vorgeschichte.“

Die Rede ist von einer Koloskopie, oder wie man ungern in den Volksmund nimmt: die Darmspiegelung.

Auch wenn die familiäre Vorgeschichte mit Muttern, die 2016 an Darmkrebs verstarb, bei mir verständlicher Weise reichlich Eindruck hinterlassen hat, war mir die vor Unwissenheit strotzende Vorstellung einer Vorsorgeuntersuchung nicht ausgeprägt angenehm. Schließlich hatte ich noch nicht das praktische Vergnügen.

So entwickelte ich mit der Zeit so manch blühende Assoziationen rund um den endoskopischen Eingriff in die Tiefen meines Inneren. Die alleinige Vorstellung, dass da ein freundlicher Herr in meine ansonsten nur mir vorbehaltene Körperstelle eindringt, nur um mal zu gucken, lies doch lange Zeit mein ansonsten fröhliches Antlitz verkniffen und faltenreich zusammenzucken. Folglich hatte ich dann auch brav den Umstand der medizinischen Notwendigkeit wohlwollend in den Hintergrund treten lassen. Natürlich immerwährend mit der festen und aufrichtigen Absicht, dass ich das auf jeden Fall „demnächst“ unbedingt mal durchführen lassen werde. Aber gerade ist halt ungünstig. Die Arbeit. Ich habe soviel zu tun und bin so wichtig. Und da ist noch der Kurzurlaub, den kann man jetzt leider nicht verschieben. Ach ja, da ist auch noch ein Festäng, wo viele Fans meine Beteiligung sehnsüchtig erwarten. Und dann ist das Wetter zu gut. Oder gerade zu schlecht. Ein Erdbeben. Hach, und jetzt ist dummerweise auch noch der mittlerweile zweite Überweisungsschein abgelaufen.

Dank meiner wesentlich besorgteren Umwelt wurde ich aber immer wieder gerne gefragt oder erinnert, ob ich schon oder wann denn nun? Meist begleitet mit der Beteuerung, dass sei ja alles gar nicht so schlimm. Im Gegenteil. Alles ganz easy. Easier als man sich ausmalen kann. Merkt man gar nix von. Und geht so schnell. O.K., das mit dem Getränken vorab, die zur Darmentleerung abführen, dass sei watt „anstrengend“. Aber der praktische rektale Recherchevorgang an sich, der sei nun wirklich kein Ding.
Mir kam vor, dass alle um mich herum die Prozedur schon mal über sich haben ergehen lassen. Und ich bin jetzt der letzte in der Reihe, auf den alle warten. Und gucken.

Skepsis durchzuckte jedes mal meinen vor sich hin alternden Körper. Aber gut, der Tag sollte kommen. Hinsichtlich operativen Eingriffen habe ich ja schon Erfahrungen sammeln dürfen. Bis dato liefen die ja auch fast alle völlig problemlos ab. Da sollte doch so ein kurzer Blick in den Arsch kein Problem sein. Also dann: es war soweit! Mit neuer Überweisung hin zum Gastroenterologen, Vorgespräch geführt und Terminchen ausgemacht.

Joh, und so ging datt dann: 5 Tage vor Penetration Verzicht auf bestimmte Lebensmittel und Gerichte. Im Nachmittag und frühen Abend vor dem Aktionstag zweimal ein Liter Wasser mit einem Arzneimittel zur Darmreinigung eingenommen, zuzüglich weiterer je anderthalb Liter Wasser. Der gewünschte Effekt von wässrigem Durchfall setzte jeweils zeitversetzt ein. Am Morgen dann noch einmal ein halber Liter mit Pülverchen.

Also ganz ehrlich, rein körperlich war das jetzt keine große Nummer. Auch trinken als solches war für mich jetzt keine Herausforderung. Wobei, am Geschmack der Cocktails sehe ich noch Optimierungspotential. Es soll ja gegenüber früheren Druckbetankungen schon viel besser schmecken. Aber für den letzten halben Liter dieses gewollt zitrusschmeckenden, etwas dickflüssigen Elixiers war schon watt Überwindung notwendig.

Sei´s drum: ich fühlte mich leer. Richtig leer. Und das war ja gewollt.

An der Praxis morgens angekommen ging es dann auch recht zügig und unaufgeregt zur Sache. Hosen aus, Handtuch drumrum, auf die Liege rauf, bisschen Klönschnack mit der freundlichen Bedienung gehalten, den Doc begrüßt, Blutdruck gemessen und Spritzchen gekriegt. „Herr Pauli, wir sehen uns dann gleich bei der Nachbesprechung. Bleiben sie noch was liegen, sie können dann gleich im Wartezimmer Platz nehmen, wenn´s ihnen gut geht. Ich rufe Sie dann rein.“

Ähm, watt? Wie? Wer? Wo? Ich?

Ehe ich mich versah, saß ich schon wieder mit der Expertin für Vor- und Nachbereitung von Koloskopie Prozedere alleine im Fernsehraum. Ich könne gerne noch was liegen bleiben und solle mir Zeit lassen, trällerte die fröhlich freundliche Dame im blauen Gewande.

Es war also schneller rum das Ganze, als ich gedacht hatte. Und bis auf watt Durst (möglicherweise wegen der Mund-Nasemaske) verspürte ich keine auch nur irgendwie spürbare Malaise. Meine robuste körperliche Verfassung erlaubte mir sogar eine zügige Wiederherstellung meiner ursprünglichen Kleiderordnung. Nur ein paar Minuten des Wartens und schon saß mir der Doktor meines Vertrauens, Dr. med Ramin Schirin-Sokhan (hier klicken), zur finalen Abschlussbesprechung gegenüber.

Fazit: Ich habe den schönsten Darm in der ganzen StädteRegion Aachen! Naja, ganz so hat er es nicht gesagt, aber tief in mir drin muss alles so unauffällig ausgesehen haben, wie es nur unauffällig sein kann. Er brauchte nur gucken, nix anfassen. Oder wegmachen.

Das war´s.

All jene, die mir über Jahre versichert hatten es sei alles nicht so schlimm, hatten Recht. Meine Vorstellungen waren unangenehmer als der ganze Vorgang selber. Völlig unbegründet. Insofern reihe ich mich jetzt auch ein in den Chor derer, die gerne Werbung machen zur Darmkrebsvorsorge:

Mehr als 60.000 Menschen erkranken jedes Jahr an Darmkrebs. Die rechtzeitige Erkennung kann die Heilungschancen bei Darmkrebs erheblich verbessern oder diese Erkrankung sogar verhindern. Alle Krankenkassen übernehmen die Kosten für die Untersuchung zur Früherkennung von Darmkrebs für ihre Versicherten ab 50 Jahren.“ Schreibt das Bundesministerium für Gesundheit auf seiner Internetseite (hier klicken).

Die nächste Runde zur Vorsorge soll ich hinsichtlich meiner familiären Vorgeschichte in fünf Jahren noch einmal drehen. Heute weiß ich: kein Problem! Ehrlich! Steht heute schon im Kalender.

Und wer weiß, vielleicht schmeckt dann auch das Abführmittel mehr nach Wein…

Ach ja, nowatt. Falls jemand fragen sollte, welches Eye:max Brillenbügelpaar ich zum Tag der offenen Hinterntür getragen habe – jenes hier:

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