Jahrzehntelang bin ich in Portugal einmal jährlich temporär heimisch geworden. Herbergsmutti unserer immer gerne wiederbesuchten Unterkunft war eine Dame ursprünglich englischer Herkunft. Ihre vier Kinder haben nacheinander ihren Lebensmittelpunkt in den Vereinigten Staaten von Amerika gefunden, dem Heimatland des Vaters.
Oftmals saßen wir mit ihnen und anderen Gästen aus allen Herrenländer am großen Frühstückstisch des Guesthouses zusammen und führten launige Unterhaltungen über Gott und die Algarve. Immer dann, wenn die weltumspannenden Diskussionen auf die Vorzüge des größten und besten Landes im ganzen Universum hinführte, habe ich kopfschüttelnd abgewunken. Zu tief saßen meine Skepsis und ausgeprägten Vorurteile ob der hiesigen Kultur (von denen mir manche berichteten, sie gäbe es gar nicht) und seinen Menschen.
Zugegeben, ich war nie dort. Meine unqualifizierte voreingenommene Haltung resultierte aus den Fernsehserien Dallas, die Straßen von San Franzisco und Kojak. Und Erfahrungen von Menschen die drüben waren sowie den wenigen persönlichen Begegnungen. Obwohl da eigentlich auch ganz nette Menschen dabei waren. Wie sie es wohl überall gibt.
Jedenfalls erhielten Pauli sein Frau und ich immer persönliche Einladungen in die USA zu reisen und mich vor Ort von der Einzigartigkeit des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten zu machen.
Ich habe dann ritualisiert aufrichtig dankend und höflich abgewunken. Immer verbunden mit einer witzig gemeinten und völlig überzeichneten Geschichte, als entwaffnende Begründung, aber eigentlich mehr zum Amüsement der Frühstücksgesellschaft. Ich habe da meine Ängste vorgegaukelt was ich vor mir sehe und passieren wird, wenn ich am Flughafen von L.A. einreise.
„Die wohlgenährten Uniformierten sehen mich dann schon von Weitem mit meinem Rollköfferchen anrollen“ so fabulierte ich über die örtliche Gendarmerie, und „nehmen mich umgehend fest. Ohne lange Erklärungen werde ich in den dreckigsten Knast des Bundesstaates verfrachtet, inmitten von finsteren, großen, behaarten, geifernden Mitbewohnern in gestreiften Leibchen, die auf so ein attraktives Männelein aus Alemannia wie mich nur gewartet haben. Und der Rest ist kollektives Vergessen wer ich bin und wofür ich da im Kerker sitze…“
Funny, die Vorstellung, oder?
Führte auch jedes Mal zum provozierten Gelächter. Und dem Hinweis, ich sollte – wenn nicht zum Arzt oder Psychologen – es einfach mal wagen rüber zu machen und mich von der maximalen Größe und allumfassenden Schönheit dieses Nummer eins Landes der Welt überzeugen. Man würde mich schon herzlich empfangen und am Fluchhafen abholen. Und retten, wenn es darauf ankäme…
Joh.
Ich weiß nicht, ob sich die amüsierten Zuhörer_innen von damals heute noch an meine nach preiswerten Lachern heischende Geschichte erinnern wollen. Aber mit Blick auf die aktuellen Realitäten würde mein Gag wohl kaum als fröhlicher „funfact“ identifiziert, sondern eher schweigend zur Kenntnis genommen.
Das, was wir seit mehr als einem Jahr live und in orange erleben, ist ein erodierendes demokratisches System samt staatlich legitimierter Drangsalierung und Ermordung der eigenen Bevölkerung. Über das selbstherrliche, moralisch verkommene Wild-West-Gebahren gegenüber souveränen Staaten oder mehr noch, bis dato alliierter Verbündeter, will ich später mal zu ausholen.
Die Ermordung von Renee Nicole Good in der Stadt Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota durch einen maskierten Mitarbeitenden der United States Immigration and Customs Enforcement (ICE), ist nur ein weiteres Highlight staatlich geführter Willkür die demonstriert, wieviel ein Menschenleben drüben atuell wert ist.
Getoppt wir das Ganze, in dem die Top Top Top U.S. Regierungsmitarbeitenden den völlig offensichtlichen Mord in pinocchioniedererwärtigen Art öffentlich umdeuten und Frau Good posthum persönlich diskreditieren, um die Tat zu rechtfertigen und die drei (!) Schüsse in ihr Gesicht im Nachhinein zu legitimieren. „Fucking bitch“ rief der Fachmann für Schutz und Schüsse noch hinterher, als der Wagen offensichtlich schon Führerlos einige Meter weiter gegen einen Laternenmast fuhr. Renee Nicole Good hat das da wahrscheinlich gar nicht mehr mitbekommen.
Vizepräsident J.D. Vance ergänzte im Mai bei einem Pressetermin mit FiFa Präsident Infinito die herzliche Einladung von Friedensaktivist Präsident Trump, dass natürlich jeder eingeladen ist, dieses großartige Ereignis Fußball WM 2026 in den USA mitzuerleben. „Wir wollen, dass die Menschen kommen, feiern und die Spiele genießen“, so Farce. Und drohte umgehen und ohne Umschweife: „Wenn die Zeit vorbei ist, sollen sie wieder gehen – ansonsten müssen sie mit Ministerin Noem sprechen.“
Pin-up-Girl Kristi Noem ist die zupackende Heimatschutzministerin, der ICE untersteht.
God bless America. Without me.
(Foto: Screenshot unidentified www. – Renee Nicole Good, aufgenommen von der Kamera ihres Mörders, kurz vor ihrer Erschießung.)