Elektrolos

„Once in a while“ wie der Franzose sagt, hole ich meinen alten Drahtesel aus der Garage, um mich eines zügigeren Fortbewegens zu erfreuen. Der Esel ist schon sehr alt, schätzungsweise 25 Jahre. Der Kauf seinerzeit hatte ursächlich mit einem Eselunfall – bezeichnender Weise im Paulinenwäldchen – zu tun (heißt wirklich so!).

Das sportives Gebaren des ungestümen Piloten zwecks fröhlich zügiger Heimfahrt durch eben jenen Wald, führte zu einem unvermittelt abrupten Ende. Eine Baumwurzel stellte sich dem Vorderrad derart in den Weg, dass es sich spontan quer anstellte anstatt darüber hinweg zu sehen. Oder zu fahren. Diese Eselei führte zum Überschlag des gesamten Pakets, mit dem Ergebnis von Risswunden und Prellungen, die ärztlicher Fachanwendungen bedurften.

Das Vertrauensverhältnis zwischen dem dünn bereiften Gefährt und des damals noch jugendlichen Draufgängers war so nachhaltig gestört, dass es keine weitere Zusammenarbeit geben sollte. Und deshalb eben ein neues Fahrzeug her musste. Eben jenes, das nun mal wieder das Licht außerhalb der Garage fand.

Mit dem Höddelchen mal eben drüber gewischt, watt Luft nachgepumpt, auf den Skycamper montiert und ab an die schönen Mosel gereist. Dort sind Pauli sein Frau und Pauli sein Frau ihr Mann schon des öfteren mal umher gefahren, was zumeist viel Freude gemacht hat. Selbst wenn der ungeübte und für längere Fahrradstrecken wenig eingegroovte Hintern mit spürbarem Missfallen reagierte. Dies verkürzte letztlich aber nur die Abstände von fröhlichem Einkehren in ortsübliche Etablissements.

Ja, als im Alltag überwiegend ungeübter Pedaltreiber braucht es immer etwas Anlauf, bis sich der „flow“ so richtig einstellt. Aber was soll´s, denkt sich der Mann, am Ende macht es doch immer watt Spaß, munter umher zu radeln, sich frische Luft um die Nase wehen zu lassen, Sonne zu tanken, andere Stellen ein paar hundert Meter weit weg von der Unterkunft zu sehen und die Zeit in der Natur zu genießen.

Wenn, ja wenn da nicht die anderen Rädelsführer_innen die Wege kreuzten. Dem Alter meines ehrwürdigen Velos gebührend, ist es noch nicht elektrifiziert. Nun, früher war das so. Da fuhren alle ohne Zusatzmotor! Ehrlich! Mit Blick auf das fahrende Volk von heute scheint das irgendwie völlig aus der Mode gekommen zu sein.

Und so kommt es, dass ich in der mühevollen Erklimmung eines Anstiegs plötzlich und unerwartet ein leises Surren mit nachfolgendem frischen Luftzug erlebe. Obenauf eine völlig unverschämt gut gelaunte mit einem Liedchen summende Dame Mitte der 70er Jahre, die mal eben flux an den mit aller Kraft tretenden Mittfünfziger vorbei huscht. Und ehe es man sich versieht, huscht der nächste Tünn an mir vorbei. Der Kleidung und Fahrzeuge nach muss es wohl der Zwillingsbruder, oder gleichgeschaltete Lebensabschnittsbegleiter sein. Auf jeden Fall ist auch er unanständig vergnügt zügig am Steilhang unterwegs. Der beachtliche Vortrieb des Paares lässt beide am Horizont alsbald verschwinden. Jedenfalls kann ich nach gequältem Aufstieg und erreichen der Kuppe mit meinem naked Bike nur noch zwei dunkel lila Punkte der Trikotage von Opa und Oma sehen.

Der Schweiß tropft aus meinem übergewichtigen Körper, die muskulösen Beine zittern, der Arsch schmerzt und die sich mir nun eröffnende Weite verspricht noch eine gehörig lange Fahrt bis zur nächsten schattigen Straußenwirtschaft.

Während des wieder lockeren in Gang kommens, knallen schon die nächsten Elektrizifizierten Greis_innen an mir vorbei. Und E-Mountenbiker_innen. Warum man mit dem Elektro unterstützten Mountenbike fährt ist mir schleierhaft. Will man sich nicht ursprünglich körperlich ertüchtigen, wenn man mit seinem Bike fährt? Warum dann elektronisch unterstützt???

Sei´s drum. In mir wächst der Widerstand zu diesem neumodischen Elektrokam. Pah, ich brauche das nicht. Ich kann mit eigener Muskelkraft Fahrrad fahren. Auch wenn es anstrengend ist. Gleichsam bin ich auch zufrieden mit mir und meiner Leistung. Ich fühle ganz tief in mir drin diese völlige Ausgeglichenheit. Einmal abgestiegen, ruhe ich quasi in mir mit einem großartigem Gefühl, etwas geleistet zu haben, was mir niemand nehmen kann. Nicht mal meine brennende Poperze. Toll!

Wobei, die innere Ruhe ändert sich atemberaubend abrupt, wenn in der nächstgelegenen Gastronomie kein Plätzchen mehr frei ist, weil diese Arschlöcher durch ihren Schnelligkeitsvorsprung laut johlend und weingetränkt „Warum ist es am Rhein so schön?“ singend restlos alles okkupiert haben.

MOSEL! WIR SIND AN DER MOSEL!

Herrgott…

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