Was erlauben Mönch?

„Die Stadt Würselen plant eine Neuorganisation ihres Ordnungsamtes.“ So beginnt unter der Überschrift „Frage der Sicherheit“ ein Beitrag von Jan Mönch in der Aachener Zeitung am 11. April 2019 (hier klicken und lesen). Darin berichtet der Lokalreporter von den Bemühungen der Würselener Stadtverwaltung und seines Beigeordneten Roger Nießen, die allgemeine Ordnung im Städtchen zu verbessern, um den Sicherheitsbedürfnissen der Menschen (noch mehr) gerecht zu werden. Ein Baustein des Strukturwandels soll ein „Ordnungsbehördlicher Präsenzdienst“ sein, der rund um die Uhr (also auch des nächtens) im Einsatz sein würde.

Soweit, so gut. Ob das mit dem Präsenzdienst wirklich Not tut, kann ich nicht beurteilen. Aber die Verwaltung meiner Heimatstadt wird sich ihre Gedanken gemacht haben.

Was sich zunächst wie die übliche Notiz aus der Provinz liest,  gewinnt aber zum Ende des Artikels einen literarischen Höhepunkt. Zur Klarheit vorneweg: ich kenne den Autor nicht. Bin ihm nie persönlich begegnet. Sein Name ist mir auch mit Blick auf andere Beiträge in der Tageszeitung bislang noch nicht aufgefallen. Bis jetzt eben. Und vor allem wegen des letzten Absatzes seines Beitrags, der es mir dann aber sowatt von angetan hat. Ich zitiere:

Der Verfasser dieser Zeilen nimmt sich heraus, dem möglichen Präsenzdienst schon jetzt den ersten Arbeitsvorschlag zu unterbreiten. Wenn er nämlich zu vorgerückter Stunde einen der Würselener Ausschüsse verlässt, hängt an dem kleinen Rondell neben dem Rathaus manchmal eine Gruppe kiffender Jugendlicher herum und guckt ihn scheel an. Die könnte man da mal wegschicken.

Das steht da wirklich! Und ich weiß nicht, ob ich mich dem Lachanfall von Pauli sein Frau anschließen, oder das Zeitungsverlagaachenabo kündigen soll…

Aber lesen wir das Ganze nochmal und vor allem zwischen den Zeilen. Offensichtlich ist das Sicherheitsgefühl des Lokalreporters traumatisch gestört, wenn er sich heraus nehmen muss, öffentlich einem noch nicht existierenden Präsenzdienst einen persönlichen Auftrag zu erteilen. Gleichzeitig eine Gruppe von jungen Menschen in stigmatisierender Art und Weise an den öffentlichen, medialen Pranger zu stellen. Denn merke: Auch wenn Du dich zu vorgerückter Stunde im Herzen von Würselen – genau gesagt am Rondell nähe Rathaus –  aufhalten solltest, läufst Du Gefahr, auf diese Drogen konsumierende Gruppe zu treffen und scheel angeschaut zu werden. Mindestens.

Was an jenem Abend an Begegnung zwischen Autor und Peergruppe tatsächlich und objektiv betrachtet stattgefunden hat, lässt sich nur erahnen. Ich bin spät Abends in Würselen Downtown nicht unterwegs, weil wohnhaft in einem anderen Stadtteil. Um wen es sich bei der Gruppe handelt weiß ich nicht. Ob objektiv eine Bedrohungssituation von dieser Gruppe ausgeht, die auch von anderen so wahrgenommen wird, weiß ich nicht. Es ist ja oft auch eine Frage der sehr persönlichen Wahrnehmung.

Und wie gesagt, ich kenne den Herrn vom Aachener Zeitungsverlag selber nicht und weiß nicht, wie er aussieht, welche Präsenz er durch Statur und Auftreten ausstrahlt. Oder gerade nicht. Denn ich für mich selbst erlebe das zum Beispiel zunehmend so, dass ich trotz auffälligen Eyemax Brillenbügel und launigen Hooties nicht unbedingt von jedem immer wahrgenommen werden. Gefühlt und mit zunehmenden Alter eigentlich immer weniger. Ich verweise da auf meinen Beitrag „Kampf der Transparenz“.

Wer weiß also, ob die im (unterstellt) Cannabisrausch rondallierenden Jugendlichen den investigativen Journalisten in seiner ganzen Größe überhaupt wahrgenommen haben? Vielleicht konnten die nicht klar gucken oder genau hinsehen wer da kommt? Das ist bei Cannabiskonsum nicht ausgeschlossen. Und ein canabinoider Blick kann für einen Außenstehende durchaus seltsamen erscheinen. Oder wie man hier so sagt: „watt scheel“. Ob der erste Auftraggeber des Ordnungsamtes das so weiß, weiß ich nicht. Da die Einordnung „kiffender Jugendlicher“ im Beitrag so explizit genannt ist, unterstellt es aber, dass der Autor der Zeilen ein ausreichendes Maß an persönlicher Kompetenz in Sachen Cannabiskonsum haben muss. Sonst hätte er die Leserschaft darüber nicht so zielgenau informieren können. Oder…?

Wobei auch das zu Ende gedacht irgendwie irritiert, weil Kiffer – vorausgesetzt das war so – eher entspannt, als aggressiv auffällig wirken. Mit diesem Halbwissen könnte man dann eigentlich auch halbwegs entspannt einfach am Rondell vorbei gehen und allen einen entspannten Abend wünschen. Und gut wär´s.

Aber es war nicht gut. Denn das Beitragsfinale des scheel angeschauten Literaten schmückt der sensationelle Satz: „Die könnte man da mal wegschicken.“

Ähem, wohin? Diese Frage kam mir zuerst in den Sinn. In den Stadtgarten vielleicht? Nöö, ne? Vielleicht zum Lindenplatz? Nee, sicher auch nicht so gut. Weiter raus, Richtung Spaßbad „Aquana“? Mhm, nä, nicht gut. Oder der Gewerbepark Würselen am Aachener Kreuz gefällig? Kaum vorstellbar. Vielleicht sollte man das Jungvolk in die Nachbarstadt nach Alsdorf verfrachten? Oder Übach Palenberg. Da gibt´s den Präsenzdienst schon.

Während meine gedankliche Suche nach einem geeigneten Entsorgungsort für die Unerwünschten so dahin dümpelte, stellte sich mir aber noch eine ganz andere Frage: Darf sich jetzt jeder an der „Wünsch dir wen weg Aktion“ beteiligen und mögliche Scheelgucker beim Ordnungsamt melden? Ist das so gewünscht in der Düvelstadt? Oder bleibt es der Lokalredaktion überlassen, sich in ihrer Zeitung herauszunehmen, öffentlich(wirksam) Vorschläge zu unterbreiten? Fragen über Fragen…

Nee, ich würde mir jedenfalls nie heraus nehmen wollen, beispielsweise wegen eines – für mich – so indiskutabel verunglückten Absatzes dem Zeitungsverlag öffentlich vorzuschlagen, den Kollegen „mal wegzuschicken“.  Wohin auch? Zu Bild dir eine Meinung? Mir würde es reichen, wenn ein wenig Selbstkritik und Respekt vor Veröffentlichungen über die ohnehin sensiblen Thematik Einzug halten würde. Denn manchmal ist es nicht nur eine „Frage der Sicherheit“, sondern auch des Inhalts und Stils.

Ach ja, Lachanfall oder Kündigung des Zeitungsabo war noch die Frage. Letzteres mache ich (noch) nicht. Sonst entgehen mir solche literarischen Kleinode und ich hätte nix zu karamellen…

(Foto: Screenshot Aachener Zeitung, Seite 13 B1, Nummer 86, Donnerstag, 11. April 2019, Seite 15)

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